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András Schiff und Bernard Haitink am Lucerne Festival: So rein und sichtig

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Der Pianist András Schiff und Dirigent Bernard Haitink bei ihrem Auftritt im KKL. (Bild: Peter Fischli/LF (Luzern, 23. August 2018))

«Jeder spielt es, aber nicht sehr gut.» Mit dieser provokativen Aussage ist die Aufführung des 1. Klavierkonzertes von Beethoven im Sommerprogramm des Lucerne Festival überschrieben. Und würde der Satz nicht aus dem Munde von Sir András Schiff stammen, Spott und der Verdacht einer anmassenden Überheblichkeit wären ihm wohl gewiss.

Aber András Schiff (64) ist einer der grossen Beethoveninterpreten der letzten 30 Jahre. Sämtliche seiner Konzerte und Sonaten hat er prägend und wegweisend eingespielt. Auch an diesem Donnerstagabend zeigt er im KKL, wo eine mögliche Deutungshoheit liegt. Begleitet wird er vom Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von Bernard Haitink. Notabene also mit demjenigen Dirigent, mit welchem er schon in den 90er- Jahren sämtliche Beethoven­konzerte interpretierte, damals mit der Staatskapelle Dresden.

Ein Meister der Inszenierung

Und auch beim aktuellen Auftritt erweist sich András Schiff als ein Meister der Inszenierung. Damit ist bei ihm natürlich nicht die verschwenderische Theatralik gemeint, mit der manche Solisten – nicht nur im Tastenbereich – ihren Kraftmeiereien frönen. Er spielt dieses erste Konzert mit einem überlegenen Wissen zu Notenmaterial und Geschichte. Jedes Detail, eingeordnet im ideellen Überbau, scheint ihm transparent vor Auge und Ohr zu stehen. Eine Kenntnis, die es ihm ­ermöglicht, ganz intim und natürlich an das Stück heranzutreten. Ein vertrauter Freund, dessen Facetten man kennt und der doch immer wieder überrascht. Und so entwickelt András Schiff eine wunderbar singende Interpretation. Einer Sprache gleich gewichtet er die verschiedenen Noten, setzt kurze Akzente, macht Pausen, variiert das Tempo. Mit grossem Gespür für die kleinsten Strukturen moduliert er Ton und Farbe. Ein Beethoven, so rein und sichtig, zerlegt in seine Einzelnoten, sich herrlich wieder zu einem neuen Ganzen fügend.

Dennoch wirkt sein Spiel keine Sekunde akademisch oder belehrend gar. Es ist ein natürlicher Fluss, ein wunderbares Erblühen der Komposition, angereichert mit des Interpreten persönlichen Schalk und Witz. Es ist eine sensible, eindringliche Geschichte, die András Schiff hier dem Publikum erzählt.

Seine teils improvisierte Kadenz im ersten Satz formt den krönenden Stern auf dem glitzernden Geflecht. Witzig, wie er an ihrem Ende erst ins Publikum nickt und dann dem Orchester wieder den Einsatz gibt. Sympathisches Detail zum Schluss und Zeichen seiner Wertschätzung gegenüber den Ausführenden: András Schiff verschwindet nach seinem Auftritt nicht etwa im Hotelzimmer, sondern setzt sich ins Publikum, um dem zweiten Teil zu lauschen. Das Chamber Orchestra of ­Europe begleitet den Meister aufgeschlossen und elastisch. Berührend ist das Zwiegespräch, leiser geht’s nicht, zwischen dem Horn und dem Solisten.

Es fehlt etwas die Magie

Bernard Haitink pflegt die gleiche Sichtigkeit wie sein Pianistenfreund. Sowohl die Leonoren-Ouvertüre, es erklingt die Nr. 2, als auch die 6. Sinfonie von Beethoven (Pastorale) interpretiert er bildhaft und klar. Dennoch wirken die beiden Werke nicht ganz so bestechend, erreichen nicht die Dringlichkeit anderer Konzerte. Vor allem verglichen mit dem Auftritt von Bernard Haitink im Mai zusammen mit den Lucerne Festival Strings fehlt dem Auftritt von diesem Abend etwas die Magie.

Neben hervorragenden Momenten vor allem in den sensiblen und leisen Teilen wirken die Musiker teils unpräzise, greifen die Rädchen nicht nahtlos ineinander, zum Beispiel in der «Szene am Bach» (6. Sinfonie). Das Publikum würdigt dennoch die Leistung des inzwischen 89-jährigen Dirigenten mit grossem Applaus.

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