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Die unsichtbaren Schläge

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Weit verbreitet, aber unterschätzt: Im Unterschied zur körperlichen Gewalt werden psychische Kränkungen und Demütigungen zu wenig ernst genommen. Ein neues Buch will das ändern.

Nur weg hier: Auch Kinder sind in Schule und Familie oft emotionaler Gewalt ausgesetzt. Foto: Henrik Pfeifer (Plainpicture)

Es gibt niemanden, der nicht schon einmal psychische Gewalt erlebt hat: Demütigung am Arbeitsplatz, Erniedrigung im Militär, Betrug in der Beziehung. Manche dieser negativen Erfahrungen steckt man leichter weg, manche schmerzen auch nach Jahrzehnten noch. Im Unterschied zu körperlicher Gewalt, die sichtbare Spuren hinterlässt, handelt es sich bei emotionaler Gewalt um unsichtbare Übergriffe auf das Innenleben. Genauso wie physische können psychische Verletzungen schwerwiegende Folgen für die Gesundheit haben.

Mit den Ursachen und Wirkungen seelischer Verletzungen beschäftigt sich Werner Bartens in seinem soeben erschienenen Buch «Emotionale Gewalt». Der studierte Mediziner und Leiter des Wissenschaftsressorts der «Süddeutschen Zeitung» will damit ein Thema ins öffentliche Bewusstsein rücken, das im Unterschied zum körperlichen Missbrauch kaum Beachtung findet.

Vernachlässigte Kindheit 

«Kränkung, Erniedrigung und Missachtung sind nicht nur schmerzhaft und verletzend, sie können das Seelenheil massiv beschädigen und Menschen dauerhaft krank machen», schreibt Werner Bartens. Obwohl dies so sei, gebe es nach wie vor eine doppelte Bagatellisierung hinsichtlich der Häufigkeit und der Folgen von emotionaler Gewalt. Besonders einschneidend sind diese, wenn die Handlungen – oder auch Unterlassungen – in der frühen Kindheit geschehen.

Vernachlässigung und Entbehrung in dieser entscheidenden Phase der Entwicklung führen dazu, dass das Baby keine festen und verlässlichen Beziehungen und Bindungen aufbauen kann. Damit fehlt ihm die Grundlage für ein gesundes Leben. Psychologen und Mediziner konnten belegen, dass solche Kinder später anfälliger für psychische Übergriffe sind. Ein biografischer Teufelskreis, dem nur schwer zu entkommen ist. 

Dennoch sagen Kränkungen und Verletzungen mehr über den Absender als über den Empfänger aus. Die meisten, die emotionale Gewalt erleben, sind Opfer und nicht schuld an dem, was ihnen angetan wird. Vielmehr gibt es bestimmte Personen- und Charaktertypen, die – in Familie, Beruf oder Sport – diese subtile Form der Gewalt anwenden, um andere zu erniedrigen, einzuschüchtern oder auszugrenzen. Dieses Verhalten ist nur deshalb möglich, weil die emotionalen Gewalttäter Macht ausüben können – und dürfen. Fehlt diese, agieren sie anders.  

«Wer früh lernt, seine Aggressionen halbwegs kontrolliert zuzulassen, läuft später vermutlich weniger Gefahr, andere zu kränken», schreibt Bartens mit Rückgriff auf zahlreiche wissenschaftliche Studien. In der Schule und am Arbeitsplatz, wo körperliche Aggressionen nicht geduldet werden, spezialisieren sich diese Sadisten auf emotionale Gewalt, um so ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Sie wissen genau, dass die Wunden dieser gezielten Schläge nicht sichtbar sind und sie sich daher in einer gewissen Sicherheit wiegen können. Werner Bartens will ihnen nun einen Strich durch die Rechnung machen, indem er diesen gesellschaftlich verdrängten Missstand thematisiert. 

Fehlende Anerkennung

Mobbing ist ein wesentlicher Teil dessen, was unter emotionaler Gewalt zu verstehen ist. Neben den Kränkungen und Erniedrigungen gibt es – vor allem im beruflichen Alltag – auch eher passive Formen der Gewaltanwendung: Man straft jemanden durch fehlende Anerkennung oder mangelnde Achtung für das, was er oder sie leistet. Sensible oder durch wiederholte Attacken geschwächte Arbeitnehmer leiden unter diesen «Gratifikationskrisen», geben dem zunehmenden Druck nach und räumen das Feld.

Dass emotionale Gewalt auch zu körperlicher Schwächung führen kann, belegen medizinische Studien. So ist das Immunsystem von Jugendlichen, die eine glückliche Kindheit ohne Traumatisierungen verbracht haben, intakt – im Unterschied zu jenen, die Vernachlässigung oder Zurückweisung erleben mussten. Letztere sind weniger widerstandsfähig und entwickeln schneller Stresssymptome. 

Wenn seelische Vernachlässigung und Ignoranz mitunter schlimmere Folgen haben können als körperlicher Missbrauch, dann stellt sich die Frage, wie man sich dagegen wehren kann. Eigentlich, so der Autor, könne nur das Bauchgefühl darüber entscheiden, was normale Belastungen seien und was perfide Machtspiele und Gemeinheiten. Ein klares Indiz für emotionale Gewalt seien Beleidigungen oder Diffamierungen, die wiederholt auftreten.

Das populäre Sachbuch, das einen Hang zur Redundanzhat, illustriert den Sachverhalt an konkreten Beispielen. Am Schluss wartet es mit Tipps auf: Wird die persönliche Grenze dessen, was man zu ertragen bereit ist, überschritten, sollte man mit dem Ehepartner, Vorgesetzten oder Kollegen das Gespräch suchen. Tut man dies nicht, frisst sich die negative Erfahrung tief ins Selbst hinein und entwickelt hartnäckige Symptome, die den Schmerz verlängern. Auch wenn sie nicht sichtbar sind, spürbar sind sie allemal.

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