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Wenn sich Kriegsveteranen auf der Bühne begegnen

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Die renommierte argentinische Regisseurin Lola Arias tourt durch die Schweiz. Und spricht Tacheles über ihre Heimat und den Kunstbetrieb.

Als 1982 der Falklandkrieg begann, war sie fünf: Die Autorin und Regisseurin Lola Arias. Foto: Sabina Bobst

Bern, Zürich, Basel: 2018 ist Lola Arias’ grosses Doktheaterprojekt über den Falklandkrieg, «Campo Minado / Minefield», auch in der Schweiz unterwegs. Ein Lächeln stiehlt sich übers Gesicht der Argentinierin, das die 41-Jährige noch jünger aussehen lässt, als sie ohnehin wirkt, wenn sie, mit wippendem Pferdeschwanz und floral gemusterten Shorts, über den Platz federt. Seit der Premiere 2016 hat Arias mit ihrer «Minefield»-Truppe über zwei Dutzend Städte in verschiedenen Ländern bereist. Dabei hätten ihr etliche Festivalleiter dringend vom Thema abgeraten: Es sei zu weit weg, der Krieg von 1982 eine Fussnote der Geschichte angesichts der brutalen Konflikte im 21.?Jahrhundert. Wen interessiere es? Wie sich zeigt: viele.

Feindbilder auflösen

«‹Minefield› ist eben keine historische Recherche im engen Sinn, wir schauen auf die Spätfolgen von Krieg allgemein», erklärt die Künstlerin. Keine Erfahrung sei so radikal, bringe einen so an die Grenzen der Menschlichkeit wie das Soldatentum. «Töten und sterben für ein Land: Das lässt den Menschen traumatisiert zurück.» Auf der Bühne begegnen sich frühere Feinde: Briten und Argentinier, im Krieg 18 bis 20 Jahre alt, heute gegen 60, hören nun die Storys der anderen; Feindbilder lösen sich auf, gemeinsam schreiben sie ein Lied. Dass der Schmerz und auch die Versöhnung nach der x-ten Aufführung noch frisch wirken und berühren, überrascht sogar die Autorin und Regisseurin.

Die Männer seien ja keine Profis und müssten damit umgehen, auf der Bühne die eigene Geschichte zu repetieren, während sie selbst sich veränderten. Was auch für gelernte Performer diffizil sei: Arias rang mit dem Autobiografischen, als sie 2012 in «Melancholy and Demonstrations» ihr Aufwachsen mit einer bipolar gestörten Mutter thematisierte.

«Die Distanz öffnet eine Tür zur Selbstermächtigung – aber auch zur Neubewertung. Es kam zu einer Reihe von Krisen im ‹Minefield›-Ensemble. Ein Wunder, dass alle noch dabei sind.» Ein wenig sei es wie eine lange Gruppentherapie, für die sie sich verantwortlich fühle; wie ein Sozialprojekt.

Bürokratische Realsatire

Genau dies solle Theater auch sein. Arias’ Dokproduktionen sind stets mit der Gegenwart verhakt. Im Juni wurde ihre Intervention «What They Want to Hear» in München uraufgeführt: Und Arias’ Empörung ist spürbar, wenn sie vom Protagonisten, dem 29-jährigen Syrer Raaed Al?Khour spricht, der seit über 1600 Tagen auf den Asylbescheid wartet und mit der Abschiebung rechnen muss. Hätte Arias nicht über ihre spanischen Grosseltern auch einen EU-Pass, wärs für sie eine bürokratische Kugelfuhr, zwischen Berlin und Argentinien zu pendeln, wie sie es derzeit tut. Der Ämterparcours für Al Khour aber gleiche einer Realsatire. «Immerhin haben wir ihm eine Arbeitserlaubnis, eine Krankenversicherung und eine Plattform verschafft. Theater kann konkret Dinge erreichen, und seis nur im Kleinen.»

Lola Arias machte das Dokgenre erstmals 2008 für sich fruchtbar, an der Seite des Schweizers Stefan Kaegi der Gruppe Rimini Protokoll: «Airport Kids» untersuchte die Wurzellosigkeit von Expatkindern. Seither interessiert sie konventionelles Theater nicht mehr. «Es gibt kein Zurück», sagt die Ex-Frau von Kaegi. «Früher schuf ich ja nur Prosafiktionen; und die Lust an Rhythmus und Bild bestimmt auch meine Dokstücke. Da wird nicht improvisiert. Heute aber einen Tschechow auf die Bretter zu wuchten, ist für mich schlicht Nonsense.»

Dass «Minefield» ihre Kräfte derart binden würde, hatte sie jedoch nicht geahnt, als sie 2014?Videoinstallationen über argentinische Veteranen entwickelte. Bald hatte sie auch die Gegenseite hören wollen. Als der Krieg ausbrach, war sie fünf; seither wird in Buenos Aires immer im April offiziell um den Verlust der Malvinas-Inseln getrauert. Schon seit 1833 gelten die Briten da quasi als Räuber, und gerade in Krisenzeiten nutzt man die nationale Kränkung als Ablenkung. Arias hielt daher eine Horizonterweiterung  und Hinterfragung der Stereotypen für essenziell. 

Ankommen in Berlin

Das Stück zeigt die veränderten Beziehungen zwischen den Veteranen beider Länder; durch Filmclips unterstützt, schildern sie ihre Geschichte. In Arias’ Film «Theatre of War» wiederum, der heuer herauskam, ist die Genese dieser Veränderung zu sehen, etwa beim Casting fürs Stück.

Arias engagiert sich auch zivilgesellschaftlich, demonstrierte fürs Abtreibungsrecht und die geschröpften Unis. Nein, vom Rückfall in die Diktatur, welche ihre ersten sieben Lebensjahre prägte, könne man bei der Regierung Mauricio Macris nicht sprechen. Aber eine Unterdrückung von Presse- und Meinungsfreiheit sei spürbar, Bürgerrechtsaktivisten wie Santiago Maldonado kamen unter ungeklärten Umständen ums Leben, Demonstranten würden eingeschüchtert. «Doch ich bin sicher: Der Geist der Freiheit lässt sich nicht mehr abwickeln!»

Arias aber zieht mit Partner und 4-jährigem Sohn 2019 ganz nach Berlin, wo sie am Gorki-Theater arbeiten kann, ohne dem Kleinen immer wieder Tschau sagen zu müssen. Als international gefragter Star wurde ihr klar: «Die Kunstwelt ist auf eine Frau mit Kind nicht vorbereitet. Als ich nach der Geburt zu einem Festival geladen wurde, wuchs es sich zum echten Problem aus, dass ich noch stillte und Mann und Kind mitbringen wollte.» Sie setzte sich durch. 

«Minefield» am Theater Spektakel Zürich: 25.–27.8.;am Theater Basel: 31.8./1.9.

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