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Würenlingen 1970: War die Schweiz kein zufälliges Opfer?

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Wer die Fährten der mutmasslichen Attentäter von Würenlingen zurückverfolgt, der landet unweigerlich in Frankfurt am Main. Es ist das Frankfurt der späten 1960er Jahre, als sich die Finanzmetropole zum Epizentrum der deutschen Protestbewegung entwickelt. In den Strassenkämpfen mit der Polizei mischen etwa Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer mit, zwei Exponenten der 68er Bewegung, die später in der Politik Karriere machen.

Gleichzeitig entwickelt sich Frankfurt zum Hort der palästinensischen Exilgemeinde. Die Akademiker unter ihnen organisieren sich zu Hunderten in der Generalunion palästinensischer Studenten (GUPS). Geleitet wird der Studentenverband, der sich auch als deutscher Ableger der Fatah sieht, von Abdallah Frangi. Ein grosser Teil der linken Protestbewegung solidarisiert sich mit den Palästinensern und deren Widerstandsbewegung gegen Israel. An manchen Demonstrationen in Frankfurt wird in diesen Tagen nicht nur «Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!» skandiert, sondern auch «Ha-Ha-Ha, al-Fatah ist da!».

Kommentar

Die Schweiz muss endlich ihre Verbindungen zum internationalen Terror aufarbeiten

Marcel Gyr 30.11.2017, 05:30

Für Joschka Fischer hat das Ganze viele Jahre später ein unliebsames Nachspiel, das ihn fast das Amt des Aussenministers kostet. Er wird mit dem Vorwurf konfrontiert, 1969 an einer PLO-Konferenz in Algier teilgenommen zu haben. Dort hat PLO-Chef Yasir Arafat in einer umstrittenen Rede den «Endsieg» der Palästinenser über Israel in Aussicht gestellt. Zunächst bestreitet Fischer seine Teilnahme an der Konferenz gänzlich. Später räumt er ein, zwar in Algier gewesen zu sein, aber die Tagung zum Zeitpunkt von Arafats Rede aus Langeweile bereits verlassen zu haben.

Über das damalige Taktieren Fischers kann Abdallah Frangi nur schmunzeln. Im Gespräch mit der NZZ erinnert er sich, wie sich der spätere Aussenminister 1969 bei ihm persönlich um die Teilnahme an der PLO-Konferenz bemüht hat. Man habe sich damals von diversen Veranstaltungen und Demonstrationen gekannt, und selbstverständlich habe er seinem Duz-Kollegen aus der Frankfurter Sponti-Szene einen Platz in der deutschen Delegation vermittelt.

Die Tagung in Algier endete am 28. Dezember 1969. Keine zwei Monate nach dieser Episode, am 8. Februar 1970, fliegen zwei jordanische Staatsbürger namens Sufian Kaddoumi und Musa Jawher nach Deutschland. Mit dem Flug RJ 120 der Royal Jordan landet ihre Linienmaschine um 17 Uhr 20 auf dem Flughafen München-Riem. Tags darauf erwirbt Kaddoumi in einem Autohaus für 4218 Deutsche Mark einen gebrauchten Ford 17 M. Zusammen mit seinem Komplizen Jawher fährt er am 10. Februar 1970 nach Frankfurt, wo sie im Hotel Terminus, schräg gegenüber dem Hauptbahnhof, das Zimmer 78 beziehen.

Vorbereitung des Swissair-Anschlags in Frankfurt

Quelle:
Bundesarchiv Bern, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
– Grafik: jok

Bei den zwei Jordaniern palästinensischer Herkunft handelt es sich um die Hauptverdächtigen im Fall Würenlingen, der bis heute nicht geklärt ist. Kurz nach dem Start des Swissair-Flugs SR 330 Zürich–Tel Aviv, am 21. Februar 1970, explodiert im Frachtraum eine Bombe. In der Folge bricht Feuer aus, Rauch dringt ins Cockpit, und die Coronado stürzt über dem Gemeindegebiet von Würenlingen ab. Alle 47 Insassen sind sofort tot.

Flugverlauf der abgestürzten Swissair-Coronado am 21. Februar 1970

Grafik: jok

Bisher scheiterten alle Bemühungen, die Täterschaft des Attentats zu überführen. Zuletzt machten die NZZ und der «Beobachter» im September 2016 ein bis dahin geheimes FBI-Dokument publik. Darin heisst es, Kaddoumi und Jawher hätten an ebendiesem 10. Februar 1970 in Frankfurt zwei Westdeutsche getroffen. Die beiden hätten ihnen in den folgenden Tagen beim Bau der Paketbombe massgeblich geholfen. Das Dokument legt den Schluss nahe, dass die zwei unbekannten Westdeutschen für einen ausländischen Geheimdienst gearbeitet haben – was dem bisher angenommenen Tatablauf einen völlig neuen Dreh verleihen würde. Nach der Enthüllung des spektakulären FBI-Dokuments hat die Bundesanwaltschaft die erneute Prüfung des Falles Würenlingen angeordnet. Das Ergebnis dieser Überprüfung steht aus.

Neben den zwei bekannten Hauptverdächtigen galten von Anfang an zwei weitere Palästinenser als Mittäter. Es sind dies Yasem Qaser und Issa Abu-Toboul. Beide hatten damals schon länger in Frankfurt gelebt und gehörten dem palästinensischen Studentenverband GUPS an. Deren Leiter, Abdallah Frangi, äussert sich gegenüber der NZZ erstmals über seine damaligen Beobachtungen. Frangis Aussagen ergänzen die Auslegeordnung im Fall Würenlingen um brisante neue Aspekte. Dabei ist stets im Auge zu behalten, dass es gleichentags einen zweiten Anschlag gab: Eine nach demselben Muster hergestellte Paketbombe explodierte in einer Caravelle der Austrian Airlines. Das Flugzeug konnte in Frankfurt notgelandet werden, es gab keine Opfer.

Die vier Verdächtigten

Quelle:
Bundesarchiv Bern, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
– Grafik: lea

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